Details zu 10.14361/9783839444016-005

Annette Keilhauer
Spuren von Diversität in französischen Selbstdokumenten des 18. Jahrhunderts
DOI: 10.14361/9783839444016-005
 
Ausgangspunkt des Beitrags ist die Hypothese, dass Diskurse der Diversität auf das Selbstverständnis des Individuums zurückwirken und Spuren in seinen verschiedenen Formen der Selbstthematisierung hinterlassen. Der Beitrag diskutiert den möglichen Nutzen von Egodokumenten für eine historische Analyse von Diversitätsausfächerungen in der frühen Neuzeit und fragt zugleich nach dem Mehrwert des Diversitätskonzepts für die Gattungsdiskussion zu Selbstzeugnissen. Moderne Ausdifferenzierungen der Gattung zeigen seit einiger Zeit direkte Ausfächerungen des Genres nach Diversitätskriterien, etwa die spezifische Artikulierung weiblicher Lebenserfahrungen, die Reflexion über Alter oder Krankheit (Alzheimer) bis hin zur Behindertenautobiographie. Diversität ist hier direkter Anlass für autobiographisches Schreiben, das sich in besonderem Maße auch mit den Auswirkungen von Diversitätszuschreibungen beschäftigt. Das 18. Jahrhundert ist eine Umbruchzeit der Selbstthematisierung und deshalb ein Periode, in der das Auftauchen des Diversitätsdiskurses in seiner Dynamik beobachtet werden kann. Es ist eine Zeit der Säkularisierung des Beichtgestus, der Verlagerung von der Dominanz des historischen Bezugs in der Memoirenliteratur zu seiner bewussten Einklammerung durch die Konzentration auf die individuelle Entwicklung in autobiographischen Texten. Rousseaus »moderne« Selbstthematisierung entsteht als Verteidigung gegen Diversitätszuschreibungen und bildet das zentrale Referenzmodell der weiteren Entwicklung der Gattung. Im vorliegenden Beitrag werden verschiedene französischsprachige Selbstdokumente des 18. Jahrhunderts als Diskursorte von Diversität und Intersektionalität betrachtet. Konkret werden die Memoiren von Valentin Jamerey-Duval, die Bekenntnisse von Jean-Jacques Rousseau und die Memoiren von Madame Roland betrachtet, die jeweils auf unterschiedliche Weise die Vielfältigkeit und Prozesshaftigkeit der Zuschreibung von Differenz belegen, inszenieren und auch hinterfragen. Die Ergebnisse unterstreichen die Schwellenfunktion des 18. Jahrhunderts bei der historischen Ausdifferenzierung von Diversität, die nicht zufällig mit dem Beginn der modernen Gattungstradition der Autobiographie zusammenfällt.
 
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