Details zu 10.14361/9783839444696-013

Stefan Neuhaus
»Geben Sie Gedankenfreiheit!« Verbindlichkeit und Freiheit (in) der Literatur
DOI: 10.14361/9783839444696-013
 
Wenn wir mit Christian Bermes von Verbindlichkeit als einer schwachen Normativität ausgehen, dann müssen wir zunächst nach dem Verhältnis von Verbindlichkeit und Normen fragen. Dass Normen nicht verbindlich sein müssen, scheint ein paradoxer Gedanke, und in der Tat beginnt die Geschichte einer schwachen Normativität im deutschsprachigen Raum erst mit der Moderne im 18. Jahrhundert. In der Postmoderne, der »liquid modernity« (Zygmunt Bauman), werden dann auch noch die übrigen Normen »verflüssigt«, die unhinterfragte Geltung beanspruchten. Alle Normen kommen, zumindest in unserem Kulturkreis, auf den Prüfstand, und der Ausdifferenzierungsprozess der westeuropäischen Gesellschaften beginnt. Die neuere deutschsprachige Literatur entsteht parallel dazu, und sie fördert die skizzierte Entwicklung, indem sie sich für eine moderne und später postmoderne Auffassung von Verbindlichkeit einsetzt oder sie im Medium der Literatur überhaupt erst erschafft. Fiktive Handlungen um Figuren wie Götz von Berlichingen, Marquis Posa oder Wilhelm Tell stellen in der Deutung durch die Leser*innen Wahlmöglichkeiten bereit und zeigen damit die Potenziale einer schwachen Normativität auch für die Realität. Das ist das utopische Potential der Literatur.
 
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