Details zu 10.14361/9783839445280-008

Martin Eybl
Heinrich Schenker
Deutscher und Jude im ›confessionellen Incognito‹
DOI: 10.14361/9783839445280-008
 
Der Wiener Musiktheoretiker Heinrich Schenker (1868-1935) lebte als Jude in einem katholisch dominierten Umfeld, innerhalb des Judentums positioniert auf der weiten Skala zwischen Assimilation und Zionismus. Er war im Kronland Galizien in eine polnische Schule gegangen und lebte nach 1918 als Deutscher, als der er sich fühlte, im Staate Österreich, dem kleinen Rest der Habsburger Monarchie. Die Mehrfachcodierung von Schenkers Identität kommt in privaten Mitteilungen wie Briefen und Tagebüchern zum Ausdruck. Doch nicht der Diskurs seiner Identität steht im Mittelpunkt der Untersuchung; stattdessen wird den Spuren seiner Identitäten in der Lebenspraxis nachgegangen. Wie sich Schenker zwischen den verschiedenen Identifikationsangeboten bewegte, zeigt sich etwa daran, wie er und seine Frau religiöse, staatliche oder private Feste begingen (oder ignorierten), an ihrem Habitus oder ihren Essgewohnheiten. Über all das informieren die detaillierten Tagebücher, die Schenker seiner Frau diktierte, als Dokumente der Erinnerungspraxis und der Selbstvergewisserung.
 
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