Details zu 10.14361/9783839445587-011

Thomas Ebke
Nach dem Vitalismus. Canguilhems lebenssoziologische »Reserve«
DOI: 10.14361/9783839445587-011
 
Thomas Ebke widmet sich in seinem Beitrag der Möglichkeit einer unvermuteten Selbstrevision in Georges Canguilhems (1904-1995) genuiner »Soziologie des Lebens«. Ohne Zweifel bringen die zentralen Schriften Canguilhems das Paradigma eines »vital turn« zur Entfaltung: Demnach wendet sich in jeder wissenschaftlichen Objektivierung des Lebendigen etwas von dessen biologischer Normativität auf die Praxis und die Form der life sciences selbst zurück. An den Rändern dieses paradigmatischen Vitalismus bricht in Canguilhems Denken jedoch die skeptische Einsicht auf, dass gerade ein solches »lebendiges Wissen des Lebens« das Risiko und die Gewalt einer mortalistischen Dialektik in sich birgt: Die Gefahr eines solchen hypertrophen, gegen sich selbst umschlagenden Vitalismus hat Canguilhem in seiner Lektüre von Auguste Comtes System der positiven Politik aufgedeckt. Der Beitrag argumentiert, dass sich Canguilhems kritische Beobachtungen zu Comte stillschweigend als die Grundlage einer Selbstzurücknahme von Canguilhems eigenem Vitalismus ansetzen lassen: So gesehen wäre für den späten Canguilhem nicht länger die selbstreferenzielle Immanenz des Lebendigen, sondern der Externalismus des homo cogitat das leitende Modell gewesen.
 
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