Details zu 10.14361/9783839446027-013

Tina Turnheim
P/re/cording the Future
Notizen zum Pre-Enactment Wir sind ein Bild aus der Zukunft - Nachrichten von Krise, Aufstand und Ausnahmezustand (2012)
DOI: 10.14361/9783839446027-013
 
Der Beitrag widmet sich der Analyse eines der ersten selbsternannten theatralen Preenactments: der kollektiven Theaterarbeit »WIR SIND EIN BILD AUS DER ZUKUNFT - Nachrichten von Krise, Aufstand und Ausnahmezustand« aus dem Jahr 2012. An der Schnittstelle zwischen postdramatischem Dokumentartheater und Preenactment spielen die Performer*innen um Margarita Tsomou und Tim Stüttgen vor dem Hintergrund der Krisensituation in Griechenland mit Fakten und Fiktionen, Bruchstücken aus Theorie, Popkultur und Protestbewegungen, und behaupten in ihrem Bühnensetting das Produktionskollektiv eines mobilen Youtube-Channels zu sein, der während der Aufführung die Wetube/Youchannel/ Wechannel/Youtube-Zukunftsshow produziert. Aus Sorge um »ein Ende der Zukunft« antizipiert das Performancekollektiv dabei proaktiv utopische Zukunftsmomente, die zwischen Splitter aus Vergangenheit und Gegenwart gestreut werden und ha(u)ntologisch die lineare Zeit zugunsten einer revolutionären Jetztzeit aushebeln sollen, in der vergangene und zukünftige Ereignisse aufeinanderprallen. Im Zentrum der Performance dürfte eine durch die politische und ökonomische Krisensituation motivierte, wiedergekehrte Sehnsucht nach Zukunft stehen, die in Anlehnung an Montagetechniken aus den 1920er und 1970er Jahren dokumentarische Verfahren einsetzt, um die Gegenwart so zu montieren, dass sie auch anders denkbar wäre. Dabei geht es weder um ein Abbilden noch um das Einfangen oder Erfahrbarmachen einer zuvor als gegeben angenommenen Wirklichkeit, sondern viel eher darum, mittels dialektischer Bilder im Sinne Benjamins über die vorgefundene Wirklichkeit hinaus zu gelangen, das (Noch-)Nicht-Existente, aber Mögliche zu beschwören. Es könnte sich bei diesem Preenactment - zumindest dem Anspruch nach - um eine gleichermaßen präfigurative wie performative poetische Praxis handeln, die, aus dem Hier und Jetzt der Performance heraus, Zukunft nicht nur beschwören, sondern auch spekulativ anstoßen möchte. Das Dokumentarische wird dabei über gängige Fragestellungen hinaus weder als Repräsentation noch als Verfestigung einer zuvor als gegeben genommenen und vorgefundenen Realität verstanden, sondern als Mittel zur Erweiterung der politischen Vorstellungskraft, die zur Herstellung einer geschichtsbewußten, zukünftigen Wirklichkeit beitragen könnte.
 
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