Details zu 10.14361/9783839447635-006

Rüdiger Sünner
Gottes zerstreute Funken
Jüdische Mystik bei Paul Celan
DOI: 10.14361/9783839447635-006
 
Der jüdische Dichter Paul Celan, der beide Eltern durch den Holocaust verlor und zeitlebens die Shoah in seinem lyrischen Werk umkreiste, fand Inspirationen im Studium der Kabbala, insbesondere in der Lehre von Isaac Luria, die ihm vor allem durch die Schriften von Martin Buber und Gershom Scholem zugänglich wurde. Zentral darin ist der Gedanke des »Bruches der Gefässe«, also das Zersplittern des göttlichen Urlichtes in unzählige Scherben und Funken, die der spirituelle Mensch (und auch Dichter) im Akt des "Tikkun" (Reparaturarbeit an der Welt) wieder einzusammeln habe. Wie seine Freundin Nelly Sachs sah sich auch Celan als "Scherbensammler", dem die Gewissheit eines allgütigen, allmächtigen Gottes nicht mehr gegeben war, der aber im Aufgreifen und Neugruppieren der "verstreuten Funken" auch aus dem Dunklen und Abgründigen letzte Lichtreste herausschlagen konnte. Dadurch erhielt auch Celans Satz, Lyrik sei Mystik, ihre Berechtigung.
 
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