Details zu 10.14361/9783839447895-006

Yahya Elsaghe
Reinheit und Gefährdung. Zur Dekonstruierbarkeit des kleinstädtischen Idylls in Goethes Hermann und Dorothea
DOI: 10.14361/9783839447895-006
 
Mit »Hermann und Dorothea« und der darin paradierten Kleinstadt, so Goethe selber, habe er »den Deutschen einmal ihren Willen gethan«; eine rezeptionsgeschichtlich leicht erhärtbare Aussage. Mit keinem anderen Text erzielte Goethe einen größeren finanziellen Gewinn. »Hermann und Dorothea« galt die längste Zeit als »das deutscheste unter Goethes Werken«. Gleich mehrere Kleinstädte erhoben den Anspruch, in dem namenlosen »Städtchen« portraitiert zu sein. Und bis 1945 gehörte der Text zum Kernbestand des deutschen Bildungskanons. Das so gerne angenommene Identifikationsangebot, das Goethe den Deutschen mit dem notorisch deminuierten Städtchen machte, beruht auf dessen Verklärung zu einem Ort des »reinen Menschlichen«; ein Anspruch, den schon der Rückgriff auf eine älteste literarische Form anmeldet und scheinbar einlöst, auf die Rhapsodie als die von Friedrich August Wolf postulierte oder erschlossene Vorform des Homerischen Epos. (Nicht umsonst sollte »Hermann und Dorothea« ziemlich bald einmal in gleich zwei lateinischen Übersetzungen vorliegen, deren Lektüre Goethe selber dem deutschen Original vorzog.) Als heiles Reservat und Refugium des solchermaßen ratifizierten reinen Menschlichen oder des »Ewigen Menschen« (Roland Barthes) wird die Kleinstadt anhand mehrerer Codes einerseits vom »Dorf« und »bäurischen« Milieu abgesetzt, anderseits und vor allem aber gegen die »Städte, die großen«, ausgespielt (Paris, Straßburg, Frankfurt, Mannheim). Zu diesen Codes gehört zunächst die von der Religionssoziologin Mary Dougles in »Purity and Danger« untersuchte Opposition von Sicherheit und Todesgefahr, Reinlichkeit und Verschmutzung, Gesundheit und Infektion, Leben und Sterben. Darin eingelagert ist eine gendertheoretisch oder gendergeschichtlich beschreibbare Codierung der Kleinstadt. Diese ist durch intakte Geschlechterrollen ausgezeichnet, während die Männer im Dunstkreis der Stadt effeminiert werden und »die« Frau außerhalb des Städtchens amazonisch-bedrohliche Züge annimmt. Diese werden auf dem Weg in die niedliche Kleinstadt und besonders auf dem Boden derselben sukzessive bereinigt. Je näher die weibliche Hauptfigur ihrer neuen Heimat kommt, desto stärker wird sie auf stereotyp weibliche Merkmale festgelegt. (Die Empfänglichkeit für diese Identifikationsofferte ließe sich rezeptions-, illustrations- und distributionsgeschichtlich nachweisen. So wurde beispielsweise die Luxusvariante der Erstausgabe mit einer Nähschere geliefert.) Die selbstgratulatorischen Gesten des Texts und seine Appelle an die deutschen Kleinstädter lassen sich indessen leicht dekonstruieren. Zu diesem Zweck kann man zum Beispiel die nebenher fallengelassenen Bemerkungen über die Verkehrsinfrastruktur des Orts und deren fest beschlossene Entwicklung mit der Handlungsregie konfrontieren, infolge derer die Kleinstadt hier – und eben nur vorläufig – von der furchteinflößenden »Bewegung« der Zeit (auch der Wirtschaft) verschont bleibt. Die Kleinstadt wird in »Hermann und Dorothea« also gewissermaßen mit schlechtem Gewissen oder jedenfalls gegen besseres Wissen zum Ort des wahren Menschen und echten Deutschen emporstilisiert. Besonders deutlich verrät sich dieses bessere Wissen in etlichen Fehlleistungen, die in der mehr als zweihundertjährigen Forschungs- und Rezeptionsgeschichte des Texts und im Interesse seiner nationalistischen Vereinnahmbarkeit konsequent übersehen oder unterschlagen wurden.
 
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