Details zu 10.14361/9783839447895-009

Anton Philipp Knittel
»Die Macht neuer Verhältniße« und die »Ordnung der Dinge«. Kleinstädtisches Bürgerleben im 19. Jahrhundert am Beispiel der Kügelgens
DOI: 10.14361/9783839447895-009
 
Wilhelm von Kügelgens (1802-1867) postum erschienene Lebenserinnerungen »Jugenderinnerungen eines alten Mannes« (1870) avancierten rasch zum Kultbuch des deutschen Bürgertums um die Wende des vorletzten Jahrhunderts. Mit dem Erfolg der »Jugenderinnerungen«, die bis in die 1920er über 230 (!) Mal aufgelegt wurden, erreichen weitere Texte größere Aufmerksamkeit. Insbesondere Briefe und Tagebucheinträge Wilhelms, aber auch Texte von Mitgliedern der weitverzweigten Familie. Wilhelms Briefe zwischen 1840 und 1867 an den in Estland als Gutsverwalter tätigen Bruder Gerhard, 1990 von Walther Killy neu ediert, spiegeln exemplarisch biedermeierliches »Bürgerleben« in der Klein- und Residenzstadt Ballenstedt. Das Leben im damals bereits anachronistische Züge tragenden Städtchen, wo Kügelgen, ein scharfer Beobachter seiner Zeit, Kammerherr des geisteskranken Herzogs Alexander Carl war, trug offensichtlich durch und durch kleinstädtisch-bürgerliche Züge, gerade auch in den bildungsbeflissenen und adligen Kreisen. Dieses zeigen zumindest die Schilderungen Wilhelms wie auch der Malerschwestern Bardua. Das kleinstädtische, bürgerlich-häusliche Leben – mit Vorstellungen vom »ganzen Haus« à la Wilhelm Riehl – mit musisch-kultureller Betätigung und bildungsorientierter Lektüre auf der einen Seite und die Beschreibung zeitgeschichtlicher Phänomene, insbesondere der revolutionären Unruhen um 1848 sowie der zunehmende Gebrauch von Wendungen, »die zum festen Bestandteil des Antisemitismus gehören und im Bürgertum akzeptabel werden« (Killy), auf der anderen Seite lassen sich an den Briefen Wilhelm von Kügelgens bestens nachvollziehen. Auf einer weiteren Ebene zeigt die Editionsgeschichte der Texte Wilhelms wie auch von anderen Familienmitgliedern das bildungsbürgerliche Bedürfnis, sich in Krisenzeiten – nicht zuletzt sind um 1900, in den 1920er Jahren und anfangs der 40er Jahre weitere Texte ediert worden – nach der kleinstädtisch geprägten Bürgerwelt, in der die »Ordnung der Dinge« (Kügelgen) noch gilt, zurückzusehnen.
 
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