Details zu 10.14361/9783839447895-021

Birgit Dahlke
Hilbigs Meuselwitz. Von der schwierigen Beziehung zwischen einer Kleinstadt und ihrem größten Dichter
DOI: 10.14361/9783839447895-021
 
Als Max Wolfgang Hilbig am 31. August 1941 in Meuselwitz, einem Industriestädtchen im sächsisch-thüringischen Braunkohlerevier vierzig Kilometer südlich von Leipzig, geboren wird, ist der Vater, Schneider von Beruf, an der Front. Die Mutter Marianne Hilbig, geborene Startek, bewohnt ein Zimmer im Haus ihrer Eltern. Auch wenn der Dichter Hilbig die längste Zeit seines Lebens in Meuselwitz verbrachte, hat er für die Kleinstadt nie wirklich Heimatgefühle aufbringen können. Daheim sei es ihm immer unheimlich erschienen, lautet ein Schlüsselsatz. Zugleich kommt dem Ort »M.« in seiner umfangreichen Prosa und Lyrik ein zentraler Status zu. Nicht nur die persönliche Erfahrung einer Sozialisation in der Nachkriegsprovinz geht in die literarische Topographie ein, auch die Hilbig-typische bildmächtige Kreativität und Lust an der Übertreibung. Ein historisch belegter Fakt wie die Zwangsarbeit der Häftlinge des KZ Buchenwald in den Hallen des Rüstungskonzerns der Hugo-Schneider-AG (HSAG) am Stadtrand hinterlässt, vermittelt über das vom Kind in direkter Nachbarschaft erlebte angstbesetzte Schweigen der Erwachsenen, unübersehbar Spuren in Hilbigs Texten. Die Art der Kontextualisierung und symbolischen Aufladung von »M.« hat in der Heimatstadt des Büchnerpreisträgers lange vehemente Abwehr ausgelöst. Obwohl Hilbig seine 1919 geborene Mutter auch nach seiner Ausreise aus der DDR und bis in seine letzten Lebensjahre regelmäßig in Meuselwitz besuchte, fanden die Kleinstadt und ihr Dichter bis zu seinem frühen Tod nicht zueinander.
 
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