Details zu 10.14361/9783839449677-002

Sevasti Trubeta
Hybride Rassen – Kontaktzonen – Multiple Grenzen
Der Diskurs über die »Mittelmeerrasse«
DOI: 10.14361/9783839449677-002
 
Mit dem Begriff »Mittelmeerrasse« rückt ein klassisches Beispiel von Grenzziehungen durch Klassifizierung von Großgruppen als Rassen in den Fokus meines Aufsatzes. Das Ausgangsargument stützt sich auf eine diesem Begriff innewohnende Ambivalenz: Die Entstehung des Begriffs Mittelmeerrasse im 19. Jahrhundert ist dem anthropologischen Diskurs der hybriden Rassen geschuldet und somit einer Idee, die über das Potential verfügt, die Leitidee einer homogenen rein-europäischen Zivilisation zu hinterfragen und zu destabilisieren. Auch die Annahme der Anthropologie und der Humanwissenschaften, dass die europäische Bevölkerung hybrid sei und ursprünglich aus asiatischen und afrikanischen Urstämmen konstituiert wurde, dürfte der Wahrnehmung Europas als einer Weltperipherie und der europäischen Regionen als Kontaktzonen naheliegen. Hingegen wird bei einer Rekonstruktion des Rassendiskurses deutlich, dass dieser Hybriditätsdiskurs weder die Idee einer homogenen und rein-europäischen Zivilisation aufhebt, noch die der europäischen Regionen als offene Begegnungsorte von Weltzivilisationen unterstützt. In diesem Essay zeige ich, dass diese Rassendiskurse von der Suche nach den »reinen Hybriden« geprägt waren. Anthropologische Rassenklassifikationssysteme legten die Verteilungen von hybriden Rassentypen im europäischen Territorium nahe und entwarfen dadurch kognitive Karten Europas, die durch multiple Trennlinien zwischen Rassenhybriden gekennzeichnet waren. Mein Argument hierbei lautet, dass Europas »Zentrum« im Zuge dieser Entwicklungen nicht aus den Großnarrativen über die europäische Zivilisation verschwindet, sondern zum Gegenstand von Aushandlung wird. Gerade in diesem Kontext der Aushandlung erlangt die Mittelmeerrasse ihre Signifikationen, zumal in Korrespondenz mit zwei Herausforderungen: der behaupteten Superiorität der nordischen Rasse und ihrer gegenwärtigen Vertreter, der Deutschen, und der dem afrikanischen Kontinent zugeschriebenen Inferiorität, in Anbetracht dessen, dass die Mittelmeerrasse auf Berührungspunkte zwischen Europa und Afrika verweist.
 
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