Details zu 10.14361/9783839451113-007

Regina Wonisch
Migration als Herausforderung nationaler Geschichtsmuseen
DOI: 10.14361/9783839451113-007
 
Die Entstehung des modernen Museums im 19. Jahrhundert und die bürgerliche Ideologie des Nationalismus sind untrennbar miteinander verbunden. Da die Identifikation mit dem Nationalstaat erst mittels verbindender Rituale und Repräsentationsformen erlernt werden musste, war die bürgerliche Elite – im Unterschied zu den alten Machthabern, die auf die Exklusivität ihrer Sammlungen setzten – an der Öffnung der Museen für ein breiteres Publikum interessiert. Als hegemoniale Gedächtnisinstitution wurden Nationalmuseen schon vielfach kritisiert. Doch die Gegenstrategien ähneln im Grunde jenen des Bürgertums. Bislang marginalisierte Geschichten – wie Arbeitergeschichte oder Frauengeschichte – wurden in die prestigeträchtigen Institutionen hinein reklamiert und die Öffnung für breitere Bevölkerungsschichten gefordert. So hat auch das derzeit aktuelle Thema der Migration zumindest Eingang in den Ausstellungsbetrieb gefunden, eigene Migrationsmuseen wurden gegründet und Personen mit »Migrationshintergrund« als Zielgruppe entdeckt. Doch Migration ist kein Randthema, es trifft nicht nur in die Mitte der Gesellschaft, sondern auch den Kern der Institution Museum. Spätestens mit der zunehmenden Globalisierung ist das Nationalitätenprinzip obsolet geworden, auch wenn es derzeit eine ungeheure Renaissance erfährt. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob nationale Geschichtsmuseen gleichsam zu Relikten einer überkommenen Ordnung werden oder ob es ihnen gelingt, sich den neuen Herausforderungen zu stellen und die Bedingungen der Herstellung ihrer musealen Repräsentationen zu reflektieren. Können sich nationale Geschichtsmuseen dabei die Auseinandersetzung mit dem Thema Migration zunutze machen, um ihre Repräsentationen zugunsten transnationaler und transkultureller Erzählungen zu verschieben?
 
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