Details zu 10.14361/9783839451113-009

Deborah Hartmann, Tobias Ebbrecht
Der Opfer gedenken – über Täter/innen lernen. Die israelische Gedenkstätte Yad Vashem als Resonanzort
DOI: 10.14361/9783839451113-009
 
Im Unterschied zu vielen Gedenkstätten und Museen in Deutschland und Österreich steht in der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem ganz bewusst die Perspektive der Opfer im Mittelpunkt der konkreten Erinnerungsarbeit sowie der kuratorischen Praxis und des historischen Lernens. Obwohl bereits seit vielen Jahren das Forschungsinstitut in Yad Vashem auch das Handeln der nationalsozialistischen Täter in den Blick genommen hat, um die Genese der Shoah als präzedenzloses Verbrechen zu beschreiben, spielen Täterbiographien im Museum der Gedenkstätte nur eine untergeordnete Rolle. Neben der Vermittlung historischer Informationen ist es ein zentrales Anliegen der Gedenkstätte, Empathie mit den Opfern zu wecken. Diese Schwerpunkte standen und stehen auch im Mittelpunkt der pädagogischen Arbeit in Yad Vashem. Entlang von Lebensgeschichten, die neben der Zeit der Verfolgung auch das Leben vor und nach der Shoah in den Blick nehmen, werden die historischen Ereignisse gleichzeitig als jüdische und als menschliche Katastrophe vermittelt. Allerdings sind in den vergangenen Jahren zunehmend weitere Perspektiven hinzugetreten, um der Komplexität des Geschehens gerecht zu werden. Neben Rettern und Zuschauern sind es insbesondere die Täter und ihr Handeln, die insbesondere im Kontext von Fragen nach Handlungsmacht und Entscheidungsmöglichkeiten in die pädagogische Arbeit miteinfließen. Der Vortrag wird der Frage nachgehen, auf welche Weise sich die Täterperspektive in die kuratorische und insbesondere pädagogische Arbeit von Yad Vashem integrieren lässt, ohne die zentrale Rolle des Lernens von den Erfahrungen der Opfer abzuschwächen und gleichzeitig der Multiperspektivität der Shoah gerecht zu werden.
 
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