Details zu 10.14361/9783839453797-023

Clara-Franziska Petry
Entwurf einer praxeologischen Aufführungsanalyse
Techniken der Starkonstruktion
DOI: 10.14361/9783839453797-023
 
Clara-Franziska Petry widmet sich in ihrem Beitrag, ausgehend von dem praxeologischen Kulturbegriff, wie ihn unter anderem die Soziologen Karl H. Hörning und Julia Reuter in ihrem Werk »Doing Culture« formuliert haben, einer praxeologischen Aufführungsanalyse, mit der Techniken des Pop sichtbar gemacht werden können. Das Untersuchungsfeld Pop bezieht sich zunächst auf die performative Konstruktion von Popmusik im Unterschied zur klassischen Musik. Dabei kristallisieren sich Inszenierungstechniken heraus, die auch für die Hervorbringung anderer theatraler Aufführungsformen entscheidend sind, weshalb sie generell als Analysekriterien für eine praxeologische Aufführungsanalyse angewendet werden können. Im Vordergrund stehen dabei Techniken der Differenz wie Authentizität, Virtuosität und Popularität sowie Kulturalität, Korporalität und Lokalität. Um die Prozesshaftigkeit ihrer Vorgänge hervorzuheben, werden diese Inszenierungsstrategien terminologisch an die Begrifflichkeit des praxeologischen Ansatzes des Doing Culture angepasst und Techniken des doing authenticity, doing virtuosity und doing popularity sowie von doing culture, doing locality und doing corporality analysiert. Alle Prozesse dienen dabei einem doing differences, das zwischen Rezipient und Produzent zur performativen Identitätskonstruktion genutzt wird. In der Gegenüberstellung von klassischer Musik und Popmusik wird sich zeigen, dass beide Musikgenres auf den gleichen Inszenierungsstrategien beruhen: Ein doing authenticity in der klassischen Musik erfolgreich zu performieren bedeutet, sich an einem bürgerlichen Kleidungs- und Verhaltenskodex zu orientieren, dessen Ursprungsmythos im 19. Jahrhundert anzusiedeln ist. Ein doing authenticity beispielsweise im Gangstarap zu konstruieren, heißt einen Kleidungs- und Verhaltenskodex zu imitieren, dessen Ursprungsmythos in der Hiphop-Kultur der Ghettos in den USA der 1970er Jahren begründet liegt. Authentizität ist also in beiden Genres für das Gelingen performativer Akte entscheidend, wird jedoch in Opposition zueinander konstruiert und bewertet. Auch die Prozesse des doing virtuosity und doing popularity sind für die Konstruktion von Musikgenres und für theatrale Aufführungsformen entscheidende Inszenierungsstrategien. Für Musikstar, Schauspieler oder Politiker gilt: Um Popularität erreichen zu können, muss Virtuosität authentisch performiert werden. Der Rezipient überprüft diese performativen Akte und entscheidet, ob sie im Sinne Austins gelingen oder scheitern. Die Analysen von Virtuosität, Popularität und Authentizität in beiden Genres machen ein popkulturelles autopoietisches System sichtbar, das sich immer wieder aus sich selbst heraus erneuert. Klassische Musik kann für die Generationen, die mit Popmusik aufgewachsen sind, nicht mehr ohne den Einfluss von Popmusik beziehungsweise Popkultur rezipiert werden. Auch Performance-Künstlerin Marina Abramovic kann sich der Einbeziehung von Pop in ihre Arbeit, oder umgekehrt, der Einbeziehung ihrer Arbeit in die Popkultur, nicht mehr entziehen. Ihre Zusammenarbeit mit Jay Z oder Lady Gaga ist eine Technik des doing popularity, verknüpft mit einem doing virtuosity. Ein doing authenticity gelingt ihr wiederum nur durch ein doing differences gegenüber jener Popkultur. Dieser Vortrag diskutiert am Beispiel von Popstars und Performance-Künstlern eine neue Form der praxeologischen Aufführungsanalyse, die eine Untersuchung popkultureller Inszenierungstechniken durch den Nachvollzug ihrer Aktionen ermöglicht und dabei autopoietische Prozesse aufzeigt.
 
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