Details zu 10.14361/9783839454251-016

Jonas Nesselhauf
Die Figur des Landarztes im Medienvergleich
Von der Novelle bis zum Groschenroman
DOI: 10.14361/9783839454251-016
 
Jonas Nesselhauf widmet sich in seinem Beitrag dem Landarzt als einer paradigmatischen Figur des ländlichen Raums: Die fast ausschließlich männliche Figur verbindet in Romanen und Erzählungen das »einfache« Landleben mit dem medizinischen Fortschritt, stellt ein Scharnier zwischen Provinz und Metropole, Tradition und Moderne dar. So werden an dieser Sozial- und Reflektionsfigur, beginnend mit der Blüte der Dorfliteratur im 19. Jahrhundert, immer wieder Fragen ländlicher Alltags- und Lebensverhältnisse aufgezeigt und soziale Konflikte und Probleme verhandelt, etwa mit dem erfolgreichen und die Region zu Aufschwung und Blüte führenden Mediziner Benassis in Honoré de Balzacs Roman »Le médecin de campagne« (1833). Im frühen 20. Jahrhundert wird der Landarzt zunächst noch als Gegensatz zum urbanen Leben und den Fortschritten der modernen Medizin aktualisiert – so beispielsweise in Franz Kafkas Erzählung »Ein Landarzt« (1917/18) oder Michail Bulgakows Sammlung »Aufzeichnungen eines jungen Arztes« (1925/27) –; später dann, in Thomas Bernhards Roman »Verstörung« (1967), seziert der Landarzt die vermeintlich degenerierte Gesellschaft, ohne diese aber heilen zu können. Heute, in Zeiten zunehmender Landflucht und infrastruktureller Versorgungsengpässe auf dem Land, scheint diese Figur in Groschenromanen und Fernsehserien zunehmend verklärt zu werden: Heimatgeschichten in Fernsehfilmen, TV-Serien und Heftromanen inszenieren das Ländliche als idyllischen Imaginationsraum und den Landarzt als stereotype Schablone.
 
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