Details zu 10.14361/9783839454329-031

Susanne Lettow
Weichenstellungen
Die Versprechen der Bioökonomie oder: Fragen nach der Zukunft unserer Lebens- und Produktionsweise
DOI: 10.14361/9783839454329-031
 
Susanne Lettow widmet sich in ihrem Beitrag den Versprechen der Bioökonomie, die, von der öffentlichen Debatte weitgehend unbeachtet, im Kontext der Coronakrise eine neue Konjunktur erleben. Allerdings erscheinen die Versprechen der Bioökonomie – die sich die Abkehr von der Fossilökonomie auf die Fahnen schreibt und gleichzeitig eine neue Welt von Stoffen und Prozessen für die kapitalistische Verwertung erschließt – gerade in diesem Kontext besonders fragwürdig. Immerhin handelt es sich bei Covid-19 um eine Krankheit, die durch das Überspringen des SARS-Cov2-Virus auf den Menschen entstand. Die Herstellung neuartiger Kontakte zwischen Menschen und anderen Spezies durch den Einsatz von Mikroorganismen zum Zwecke der Produktion neuer Güter und Rohstoffe und die technowissenschaftliche Intervention in die regenerativen und reproduktiven Prozesse von Organismen aller Art sind daher mehr als heikel. Denn die Aktivität und Prozessualität von nichtmenschlichen Lebewesen, Stoffen und Dingen ist allenfalls partiell kalkulierbar. Sie entzieht sich systematisch den illusionären Ansprüchen von Verfügbarkeit und Kontrolle. Dessen eingedenk liegt es an uns, sympoietische Formen von Lebens- und Produktionsweisen zu finden, die verhindern, dass die Eigenaktivitäten von nichtmenschlichen Lebewesen und Stoffen für Menschen und Gesellschaften destruktiv wirken. Vielleicht trägt die Coronakrise dazu bei, dass die Fragen nach der Zukunft unserer Lebens- und Produktionsweise jenseits der Versprechen der Bioökonomie durch globale, realdemokratische Politiken der Bedürfnisinterpretation verhandelt werden. Das wäre eine sinnvolle Weichenstellung.
 
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