Details zu 10.14361/9783839437414-008

Michael C. Frank
Antizipationen des nächsten Anschlags
Zur Rolle der Imagination im Sicherheitsdiskurs nach 9/11
DOI: 10.14361/9783839437414-008
 
Die widersprüchliche Kernaussage des nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 installierten Sicherheitsdiskurses lautet, dass Maßnahmen zum Erhalt der inneren Sicherheit gerade deshalb unumgänglich sind, weil vollumfängliche Sicherheit vor terroristischer Gewalt unmöglich ist - da die Terroristen nicht nur die Absicht haben, neuerlich zuzuschlagen, sondern sie auch Wege finden werden, dies zu tun. Wie der vorliegende Beitrag argumentiert, geht diese Ausrichtung auf kommendes Geschehen mit einer Vernachlässigung tatsächlicher, in der Vergangenheit und Gegenwart liegender Ursachen und Bedingungen terroristischer Gewalt einher. Der Fokus wird stattdessen auf zukünftige Ereignisse verschoben, ohne dass man terroristische Gewalt als Auswirkung vorangegangener Handlungen und Zustände begreift - so, als geschehe sie ganz unabhängig von den politischen Gegebenheiten. Dabei wird der Vorstellungskraft eine so zentrale Funktion eingeräumt, dass die diskursive Grenze zwischen Faktischem und Fiktivem zu verschwimmen droht. Die strategische Logik des Terrorismus, in einem Zielpublikum eine angstvolle Erwartungshaltung zu erzeugen (die imaginäre Antizipation des noch nicht eingetretenen nächsten Anschlags), wird scheinbar paradoxerweise durch ein Sicherheitsdispositiv verstärkt, das als anti-terroristische Maßnahme gerechtfertigt wird. Mittels dieses Dispositivs lassen sich aufgrund möglicher, nur angenommener Bedrohungen ganz reale Tatsachen schaffen, wie u.a. der Irakkrieg zeigt.
 
Leseprobe