Details zu 10.14361/9783839437414-009

Annie Ring
Zwei Techniken der Zukunftssicherung
Komplizität und Souveränität in den Dokumentarfilmen WORK HARD PLAY HARD (Carmen Losmann, 2011) und IN DIR MUSS BRENNEN (Katharina Pethke, 2009)
DOI: 10.14361/9783839437414-009
 
In diesem Kapitel analysiert Annie Ring zwei Beispiele des aktuellen Dokumentarfilms, in denen das Arbeitsleben von Büroangestellten und Freiberuflern in Deutschland nach der Jahrtausendwende dargestellt wird. Work Hard Play Hard von Carmen Losmann (2011) und In dir muss brennen von Katharina Pethke (2009) werfen kritische Blicke auf die Konstruktionsbedingungen der Mittelschichtsarbeit in der Epoche des westlichen Kapitalismus: einer Arbeit, die, so zeigen diese Filme, immer unter Bedingungen von Überwachung und Selbstüberwachung stattfindet. Kritisiert werden in diesen Filmen die Arbeitsumstände und teilweise auch die Freizeitumstände der heutigen Mittelschichtsarbeiter, die umgeben von den neuesten und subtilsten Überwachungstechniken und beschäftigt mit der vielseitigen Verbesserung des eigenen Selbst gezeigt werden. Durch Selbstoptimierung werden sie zu Subjekten eines futuristischen Arbeitsmodells, innerhalb dessen durch Rekrutierung der arbeitende Mensch trotz oberflächlicher Liberalität der Arbeitsverhältnisse und des Arbeitsmilieus zur Ressource für das Wachstum des multinationalen Konzerns wird. Einer der wichtigsten Beiträge dieser zwei Filme zu einer Reflexion zeitgenössischer Arbeit ist, so Ring, der Nachweis neuer spätkapitalistischer Verhaltenslehren. Wie der distanzierte Mensch in der Theorie Helmuth Plessners, der nach der Krise des Ersten Weltkrieges Verhaltenslehren übt, die ihn vor Verletzlichkeit und Kraftlosigkeit schützen, lernt das Individuum in diesen Filmen ein ritualisiertes Verhalten, das durch die ihm eigenen Masken und Spielformen Sicherheit mit sich bringen soll. Diese Verhaltenslehren stellen die Komplizität der Mittelschichtsarbeiter mit dem Unternehmen sicher, insofern ihnen Flexibilität und sogar Glück versprochen wird, sie dabei aber eigentlich in unsichere Arbeitsverhältnisse verstrickt werden.
 
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