Details zu 10.14361/9783839449073-017

Maria Stroth
China-Kompetenz an der Leibniz Universität Hannover
Ergebnisbericht zur Bedarfserschließung
DOI: 10.14361/9783839449073-017
 
Maria Stroth widmet sich in Ihrem Beitrag der Frage, welches Wissen und welche Fähigkeiten Studierende brauchen, um in China kompetent agieren zu können, und welche zusätzlichen Angebote dazu an der Leibniz Universität Hannover (im folgenden LUH) geschaffen werden können. Diese Fragestellungen ergaben sich im Zusammenhang mit der Ansiedelung des Leibniz-Konfuzius-Instituts (im folgenden LKIH) an die LUH. Die Kooperation zwischen LUH und LKIH, mit der eine Kooperation mit der Tongji-Universität in Shanghai verbunden ist, bietet neue Möglichkeiten und auch Ressourcen für den Aufbau von China-Kompetenz für die LUH. Dafür wurden vom Ministerium für Wissenschaft und Kultur Niedersachsen (MWK) in 2018 Projektgelder bewilligt, die die Entwicklung von China-Kompetenz für die LUH im Rahmen einer Bedarfserschließung zur China-Kompetenz an der LUH wissenschaftlich begleiten sollten. Aufgrund des Projektcharakters und der spezifischen Strukturen und damit verbundenen Anforderungen an der LUH wurde gegenstandsbezogen ein qualitatives exploratives Vorgehen (nach Lamnek 1989) gewählt. Die Untersuchung geht von folgendem offenem Begriff des Bedarfs aus: Demnach kann das Wissen um Bedarfe als eine Identifikation von Lücken und den zur Füllung der Lücken benötigten Fähigkeiten (vgl. Gieseke 2018: 30) verstanden werden. Bedarfe sind mittelbar verfügbar und zukunftsbezogen, da sie auf antizipierte gegenwärtige wie auch zukünftige Anforderungen verweisen (vgl. Gieseke 2018: 32). In anderen Worten hängen Bedarfe mit differierenden und vielfältigen Perspektiven und Verwertungsinteressen zusammen (vgl. Gieseke 2008: 30). Aufgrund der Diversität der Fachbereiche und Kooperationen an der LUH wurden zur Datenerhebung leitfadengestützte Experteninterviews (Meuser/Nagel 1991) eingesetzt. Die Befragung sollte sich dabei auf die verschiedenen Ebenen und Institutionen der LUH konzentrieren. Dazu wurden für die Interviews Mitarbeiter*innen auf strategischer Basis gewählt, also auf der Leitungsebene von Studiengängen, auf der Verwaltungsebene und der Ebene des wissenschaftlichen Mittelbaus. Voraussetzung war, dass die zu befragende Person bereits mit und in China gearbeitet hatte, also über spezifisches Handlungs- und Erfahrungswissen im Kontext China verfügte, und mit dem internen Organisationswissen der LUH vertraut ist. Im Anschluss an die Interviews erfolgte eine Analyse in Anlehnung an das Schema zur Auswertung qualitativer Interviews nach Lamnek (2005) und der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring (2010). Um den Besonderheiten dieser Studie im Kontext der Organisation LUH gerecht werden und bereits vorhandenes Wissen bedarfsgerecht einsetzen zu können, erfolgte die Strukturierung des Leitfadens in Kernkategorien (Strauss 1987:34) unter Einbezug weiterer wissenschaftlicher Arbeiten (Stepan/Frenzel 2018, Robak 2012) und organisationsspezifischer Besonderheiten der LUH. Dabei wurden folgende fünf Kernkategorien eruiert: 1. Vorwissen und Erfahrungen in Bezug auf China, 2. Forschung in Kooperation mit China, 3. Lehre und Internationaler Austausch in den Fakultäten, 4. Internationaler Arbeitsmarkt, 5. Angebote (Nutzung und Wünsche). Aus diesen Kernkategorien wurden 15 Kernaussagen gewonnen, die in den Interviews wiederholt geäußert wurden und Beobachtungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler widerspiegeln. Dazu gehörte beispielsweise die Aussage, dass sich die Kommunikations- und Administrationsformen in Deutschland und China erheblich unterscheiden und dass Wissen über das chinesische Hochschul- und Forschungssystem unabdingbar für eine Zusammenarbeit ist. Darüber hinaus ist an der LUH beobachtet worden, dass weiterhin Sprachbarrieren im Studium auf beiden Seiten bestehen und dass internationale Mobilität an der LUH mehr gefördert werden muss. Dies insbesondere auch im Hinblick darauf, dass Internationalisierung auf dem Arbeitsmarkt eine immer größere Rolle spielt und die Befragten davon ausgehen, dass Aufenthalte in und Erfahrungen mit China sich positiv auf die spätere Karriere auswirken können. Eine übergreifende Beobachtung, die in allen Interviews festgestellt werden konnte, ist, dass China-Kompetenz ohne eine wechselseitig vermittelte Deutschland-Kompetenz für die chinesischen Studierenden zu eng gedacht wäre. Um einen Austausch auf Augenhöhe zu fördern, der beiden Seiten Verständnis füreinander und eine Auseinandersetzung miteinander einbringt, muss das Prinzip der Kompetenzvermittlung auf Gegenseitigkeit gedacht werden. Für den Kompetenzaufbau ist zudem die persönliche Komponente, die die Lernwilligkeit und das Verständnis unterstützt, nicht zu unterschätzen. Gerade gemeinsame Projekte oder Doppelabschlüsse eignen sich deshalb gut, um diese Kompetenzen zu erwerben. In der detaillierten Auswertung der Interviews wurden schließlich weitere Ergebnisse sichtbar: So ist die Vermittlung von Wissensstrukturen zu kulturellen Prägungen und sozialen Strukturen in China von besonderer Relevanz ebenso wie der frühe Kontakt zu Land und Leuten, um Vorurteile abzubauen und eine persönliche Bindung zu entwickeln. Hinzu kommt das fehlende Wissen zu verschiedenen Lernkulturen im chinesischen und deutschen Hochschulsystem, auf das viele Studierende in ihrem Auslandssemester unvorbereitet treffen und auf worauf besser vorbereitet werden sollte. Neben dem handfesten Wissen ist es wünschenswert, dass Möglichkeiten geboten werden (selbst-)reflexive sowie transkulturelle Verstehens- und Handlungskompetenz zu erwerben. Hinsichtlich der Angebote für die Universität wäre es wichtig, auf Anrechenbarkeit und Integrierbarkeit in das laufende Studium zu achten sowie ein langfristiges Angebot zu schaffen. Im Anschluss an die Vorstellung dieser Ergebnisse erläutert der Beitrag zum Schluss den Aufbau einer Interdisziplinären Studienbescheinigung China-Kompetenz, die im Zuge der Auswertung der Bedarfsanalyse entwickelt wurde.
 
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